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Alles begann an einem gewöhnlichen, sonnigen Vormittag auf einem der alten Plätze Münchens – dem Wittelsbacherplatz, wo samstags wegen des berühmten Blumenmarkts immer viel los ist. Bei der planmäßigen Reinigung des historischen Kopfsteinpflasters spülte ein kräftiger Wasserstrahl aus dem Schlauch der städtischen Dienste einen kleinen, abgenutzten Gegenstand in dunkelblauer Farbe aus einer Ritze zwischen den Steinen. Es war ein alter deutscher Reisepass, ausgestellt im Jahr 1987. Wasser und Zeit hatten ihre Spuren hinterlassen: Der Einband war mit Kalkablagerungen bedeckt, einige Seiten waren durch Feuchtigkeit verklebt, aber die goldene Prägung des ausstellenden Behördennamens – «Stadt München» – war noch immer lesbar. Es schien, als hätten Tausende von Füßen, die im Laufe der Jahrzehnte über diesen Platz gegangen waren, das Dokument in das Pflaster gedrückt und es vor den Blicken verborgen, bis ein Frühlingsregen es wieder ans Licht brachte.
Als der Fund vorsichtig getrocknet und geöffnet wurde, sahen die verblüfften Mitarbeiter des Rathauses den Besitzer. Der Reisepass gehörte einer jungen Frau namens Anna Weber, geboren 1968. Das Foto auf der ersten Seite zeigte eine lächelnde Blondine mit Sommersprossen. Von besonderem Interesse waren die Stempel: Der Pass war voller Grenzübertrittsvermerke – Niederlande, Frankreich, Italien, Österreich. Aber das Erstaunlichste war, dass der letzte Stempel aus dem Jahr 1992 stammte – Juli – und die folgenden Seiten völlig leer waren. Es sah so aus, als hätte die Besitzerin eines Tages ihren Pass einfach auf dem Platz verloren und es nicht bemerkt.
Von dem Wunsch beseelt, den Fund zurückzugeben, begannen die Mitarbeiter der Stadtverwaltung mit der Suche. In den Datenbanken stellte sich heraus, dass Anna Weber inzwischen ihren Nachnamen geändert hatte und jetzt in der Nähe von Hamburg lebt und als Grundschullehrerin arbeitet. Als man sie kontaktierte und ihr von dem Fund erzählte, lachte Anna und verstummte dann für einen langen Moment. «Mein Gott, dieser Pass! Ich habe ihn 1992 auf dem Markt verloren, als ich Blumen für meine zukünftige Schwiegermutter kaufte. Ich habe damals so geweint – ich hatte drei Tage später ein Ticket nach Prag!», erinnerte sie sich.
Das Treffen fand eine Woche später statt. Anna kam zusammen mit ihrem Mann Thomas nach München – demselben, für dessen Mutter sie einst die Blumen gekauft hatte. Als man ihr den abgenutzten, dunkelblauen Pass aushändigte, fuhr sie zärtlich mit dem Finger über das alte Foto. «Seht, wie naiv ich damals war», sagte sie mit Tränen in den Augen. «Ich verlor meinen Pass, konnte nicht nach Prag fliegen und blieb bei Thomas in München. Und nun – dreißig Jahre zusammen, zwei Kinder, drei Enkel. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn nicht dieser Verlust gewesen wäre.»
Heute liegt der gefundene Reisepass nicht in einem Polizeiarchiv, sondern im Familienalbum der Webers – neben den Hochzeitsfotos und den Zeichnungen der Enkelkinder. Und auf dem Wittelsbacherplatz, genau an der Stelle, wo das Dokument gefunden wurde, steht heute eine kleine Bank mit einer Tafel: «Hier begann im Jahr 1992 eine große Liebe». So wurde ein kleiner Verlust, der drei Jahrzehnte lang unter dem Kopfsteinpflaster gelegen hatte, nicht zu einer Tragödie, sondern zu einer schönen Legende darüber, wie der Zufall manchmal ein Schicksal formt.

